JVA Dessau

Das Gerichtsgefängnis in der Willy-Lohmann-Straße (Bismarckstraße)
Ungewöhnliches Jubiläum eines Knastes

(zum 01. Juli 2015 wurde die JVA Dessau-Roßlau geschlossen)


- 1883 Baubeginn, 1886 eingeweiht - Heute trotz alter Bausubstanz sichere Einrichtung Wen es von den Insassen der Dessauer Justizvollzugsanstalt interessiert, daß ihr "Knast" genau am 1.August, 125 Jahre alt geworden ist, darüber kann man nur spekuliert werden, denn eine Umfrage wurde nicht gemacht. Dennoch wird seit eben jenen 125 Jahren das Stadtbild nicht unwesentlich von dem imposanten Backsteinbau geprägt, der sich an der Ecke Willy-Lohmann-Straße/Mariannenstraße befindet und der auch nicht immer nur Gefängnis war, sondern früher eigentlich als Land- und Amtsgericht mit angegliedertem Gerichtsgefängnis gebaut worden war.


Ergebnis einer Revolution:
Der Reihe nach:

Bevor das Gebäude 1883 begonnen wurde, war eines der wesentlichen Ergebnisse der Revolution von 1848 die Trennung der Rechtspflege von der Verwaltung. 1850 trat daraufhin in den teilweise bereits vereinigten Herzogtümern Anhalt-Dessau und Anhalt-Köthen eine neue, nunmehr gemeinschaftliche Gerichtsorganisation in Kraft.
Ergo: Das ehemalige Dessauer Gericht - gelegen dort, wo jetzt das Dessau-Center-Grundstück ist - wurde hoffnungslos zu klein, denn auch die Köthener Prozesse waren nunmehr zu bewältigen, zumal die Bernburger und heutigen Anhalt-Zerbster Gebiete bereits zu Anhalt-Dessau gehörten. Also beschloss man in Dessau, ein neues Gerichtsgebäude zu bauen, das den damals aktuellen Anforderungen gerecht wird. Dazu erwarb die Stadt mit Mitteln aus dem Landesfiskus (102.000 Reichsmark) ein Ackergelände zwischen der damaligen Bismarck- und Amalienstraße. Es wurde von dem damaligen Herzoglich Anhaltischen Kreisgerichtsrat Gustav Franz Siegfried, einem Vorfahren des ehemaligen aus Lüneburg in die Stadt gekommenen Dessauer Bürgermeisters, Dr. Franz Siegfried, an den Staat verkauft.
Mit dem Bau des neuen Gerichtes wurde im Sommer 1883 unter der Regie des aus Posen stammenden Baumeisters Franz Januskowski begonnen. Das zugehörige Gerichtsgefängnis - noch heute auf dem Gelände links hinter dem Hauptgebäude gelegen - wurde am 1. Aug. 1886 in Betrieb genommen. Davon zeugt eine Bekanntmachung im "Anhaltischen Staats-Anzeiger" vom 31. Juli 1886. Offiziell eingeweiht wurde es, gemeinsam mit dem neuen Land- und Amtsgericht, am 17. Sept. dieses Jahres.


Auszug aus dem damaligen "Reglement" des Gefängnisses:
"Die Disziplin des Hauses handhabt die Inspektion. Als Vergehen, welche im Disziplinarweg zu ahnden sind, kommen in Betracht: Verletzung dieser Hausordnung, Ungehorsam gegen die Befehle (...), Unverträglichkeit mit den Mitgefangenen, Störung der Ruhe des Hauses (...), Beschädigung der Gefängnisutensilien oder Verunreinigung der Gefängnisse aus Rache, Bosheit oder Mutwillen." Die dafür vorgesehenen Strafen waren: "Einsames Gefängnis bis zu vier Wochen, Entziehung der warmen Kost, Versetzung nach dem Armenhaus." Diese Strafen konnten auch kombiniert werden. Gezeichnet war die Hausordnung vom Herzoglichen Gesamt-Staats-Ministerium.


43 Personen aus Anhalt ins KZ:
Wer nun denkt, dass die Geschichte des Gerichts- und Gefängnisgebäudes ruhig verlief, der irrt. Sie war eher bewegt. 1912 wurde ein Erweiterungsbau in der Mariannenstraße vollendet (heutiger Sitz des Sozial- und Verwaltungsgerichtes). Danach blieb es zunächst bei Gericht und Gefängnis, allerdings auch mit der Unterbringung politischer Gefangener während der Nazizeit. Am 7. Juni 1933 waren 80 Angehörige der KPD und SPD "aufgrund ihrer provokatorisch-politischen Tätigkeit" dort in Haft, wie im "Anhalter Anzeiger" zu lesen war. Aus der gleichen Zeitung war am 14. Juni 1933 zu erfahren, dass aus Anhalt 43 Personen aus den Gerichtsgefängnissen Dessau, Bernburg und Köthen wegen Überfüllung "mit dem fahrplanmäßigen Vormittagszuge ins Konzentrationslager in Oranienburg bei Berlin" transportiert wurden.


Als 1946 die russische Militäradministration das Gerichtsgebäude samt Knast beschlagnahmte, musste letzterer umziehen - auf ein Gelände unmittelbar neben dem heutigen Grün-Weiß-Sportplatz an der Schlagbreite. Später siedelte sich dort u.a. die ehemalige Maler PGH "1. Mai" an. Ein anderer Gefängnisteil befand sich fortan im Volkspolizeipräsidium. In der dortigen Polizeihaftanstalt wurde nunmehr die Untersuchungshaft und die Polizeihaft vollzogen. Als die Russen 1949 das Gerichtsgebäude zurückgaben, zogen hier keine Richter und Schöffen mehr ein, sondern nur noch Häftlinge. Die heutige Justizvollzugsanstalt im jetzigen Ausmaß war quasi geboren, jedoch vorerst nur sehr beschränkt.


Häftlinge mauerten - Zellen:
1945, während des größten Bombardements der Muldestadt, fielen auch große Teile der Gebäude den angloamerikanischen Flugverbänden zum Opfer. Spreng- und Brandbomben zerstörten das Land- und Amtsgericht bis auf die Außenmauern. Auch die Archivräume wurden ein Raub der Flammen. So ist es heute sehr schwierig, genaue Angaben über die Geschichte des Hauses zusammenzutragen. Aber auf Grund der Unterstützung des Stadtarchives Dessau (Herr Kreißler), des Dessauer Landesarchives, des Merseburger Landesarchives und nicht zuletzt der Anstalt sowie ehemaligen Kollegen kann dem nun abgeholfen werden. Wesentliche Lücken der Jahre 1949 bis 1958 werden durch die Aufzeichnungen und Gespräche mit dem damaligen Anstaltsleiter Herrn Hannig geschlossen, da Herr Hannig seine Unterstützung angeboten hatte, um diese Lücken der Chronik mit aufzuarbeiten. Unmittelbar nachdem die Russen das Gericht und den Knast geräumt hatten, wurde mit dem Wiederaufbau der Häuser begonnen. Interessant: Die Häftlinge selbst wurden zum Teil dafür herangezogen. Auch auf die örtlichen Reserven musste zurückgegriffen werden, obwohl gerade dies nach der Zerstörung Dessaus zu etwa 80 Prozent nicht gerade einfach gewesen sein dürfte.
Durch den Einsatz der Gefangenen und der zitierten örtlichen Reserven konnten nach Einschätzung des damaligen Bausachverständigen des Rates der Stadt rund 700.000 Mark eingespart werden. Außerdem übernahm die Stadt damit eine Art Vorreiterrolle im Strafvollzug der damaligen DDR. Sie wurde 1. Preisträger in einem vom Ministerium der Justiz ausgeschriebenen Wettbewerb. Bestätigt wurde ihr "eine grundlegende Verbesserung des Strafvollzuges nach den von unserem Staat geforderten Richtlinien".
Somit ist es wohl kaum verwunderlich, daß am 23. Dez. 1952 das Haus zu einem Jugendhaus umprofiliert wurde, seit dem 1. Sept. 1953 übrigens mit Berufsschule und Werkstatt. Auszug aus einem Zeitungsartikel (LDZ) vom 15. Aug. 1956, verfasst vom damaligen Anstaltsleiter Herrn Hannig: "In der DDR bestehen vier Jugendhäuser, von denen drei männliche und eines weibliche jugendliche Rechtsbrecher beherbergen. Die relativ geringe Anzahl gibt schon darüber Auskunft, dass verhältnismäßig wenig Freiheitsstrafen für Jugendliche Anwendung finden. Der Leiter des Jugendhauses Dessau gab im Rahmen eines Ausspracheabends, über den wir bereits gestern berichteten, interessante Auskünfte über das Leben in einem Jugendhaus. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass der Jugendliche bei der Einlieferung kaum jemals Einsicht für das Strafbare seiner Handlung und noch viel weniger für die Höhe des Strafmaßes hat. Der Heimerzieher wird von ihm als Gegner behandelt. Im Jugendhaus besteht eine Berufsschule, die mit den besten Lehrkräften Dessaus besetzt ist. In den Lehrwerkstätten des Hauses erfolgt eine Ausbildung im Holz- oder Metallgewerbe. Die Zöglinge können eine vollgültige Facharbeiterprüfung ablegen, wobei sich der Facharbeiterbrief in nichts von den üblichen Zeugnissen des Lehrabschlusses unterscheidet. Neben diesen berufsbildenden Unterweisungen gibt es im Jugendhaus einen Grundschullehrer und einen Sonderschullehrer, die fehlendes Wissen vermitteln. Heute kommt es vor, dass bei manchem das Ziel der achten Klassen nicht erreicht worden war. Das Jugendhaus gibt die Möglichkeit, den Schulabschluss nachzuholen. Neben den Lehrberufen gibt es noch diverse Anlernberufe, als da sind Hilfsdreher, Hilfsschlosser und dergleichen. Eine Unterweisung mit diesem Ziel wird besonders dann angewendet, wenn das zuerkannte Strafmaß zeitlich die Möglichkeit einer vollen Lehre ausschließt."


Seit den 80er Jahren wurden die Gebäude dann wieder schrittweise als Justizvollzugsanstalt - mit Außenstelle Frauengefängnis von 1974 bis 1992 - genutzt, woran sich bis zum heutigen Tage nichts geändert hat bis auf die Tatsache, dass es das Frauengefängnis nicht mehr gibt. In einem Schreiben vom 22. April 1975 der BdVP Halle (Landesarchiv Merseburg) wird auf eine größere Konzentration von weiblichen Strafgefangenen in Dessau und Quedlinburg hingewiesen. Des weiteren wird auf eine Kapazitätserweiterung der Strafvollzugsabteilung (Frauen) Dessau und deren Herstellung von Selbständigkeit verwiesen.


Verwahrkapazität = 1.000 weibliche Strafgefangene                 

davon 900 Arbeitskräfte für:

Filmfabrik Wolfen = 520 weibliche Strafgefangene                   

Elektrowaren Wittenberg = 100 weibliche Strafgefangene

Wi-We-Na Dessau = 240 weibliche Strafgefangene                     

Innenarbeitsplätze DLK = 40 weibliche Strafgefangene


Auch darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Justizvollzugsanstalt Dessau nach der Schließung einzelner Justizvollzugseinrichtungen, so zum Beispiel UHA Roßlau (1. Feb. 1956) und StVA Coswig (1. April 1957), den Gefangenen- und Personalbestand übernommen hat sowie mit der Abwicklung der Einrichtungen betraut war. Geändert hat sich allerdings nach der Wende - gelinde gesagt - einiges, was die allgemeine Sicherheit und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten betrifft. Die Gefangenen wurde dabei nicht vergessen. Auch für sie hat sich vieles verbessert (siehe vorher zitierte alte Hausordnung).

Stichworte: neue Küche, teilweise rekonstruierte Häuser, verbesserte sanitäre Einrichtungen - man könnte beliebig fortsetzen. Die Beamten und auch die Inhaftierten können sich über moderne Kommunikationssysteme verständigen.
Das Gefängnis ist das Spiegelbild der Gesellschaft. Hier schlagen sich Arbeitslosigkeit und soziale Kälte besonders nieder. Der Auftrag ist klar: Die Mitarbeiter haben Inhaftierte auf ein straffreies Leben in der Gesellschaft nach Haftentlassung vorzubereiten. Dazu nehmen Sozialarbeiter Verbindung zu Arbeitsgebern, Sozialämtern und anderen Institutionen auf. Dennoch - es ist wie in jedem Haus: Es gibt noch jede Menge zu tun, allerdings kaum mehr etwas in punkto Sicherheit. Versetzten unmittelbar nach der Wende Ausbrüche und eine Geiselnahme (1993) manchen Dessauer in Angst, verhält sich das heute etwas anders. In die Sicherheit des Gebäudes wurden seither Millionen Mark investiert - mit dem Ergebnis, dass drei Jahre lang keinem Insassen die Flucht gelungen war (1993 bis 1996), bis es im Juni 1996 zwei Untersuchungshäftlinge schafften, sich über den damals einzigen Schwachpunkt im wörtlichen Sinne abzuseilen. Doch ihre Flucht war seinerzeit nur von kurzer Dauer. Sie wurden bereits in der gleichen Nacht (der Nacht des Fußball-Länderspiels England gegen Deutschland im Wembley-Stadion um den Einzug ins EM-Finale) von der Polizei gestellt.


Todesurteil vollstreckt:
Todesurteile wurden in Dessau - im Unterschied zu anderen Haftanstalten - nicht vollstreckt. Die unrühmliche Ausnahme von dieser Regel ereignete sich am 17. Jan. 1934. An diesem Tag wurden die beiden Kommunisten Karl Hans und Wilhelm Bieser in den frühen Morgenstunden auf dem Hof des Gerichtsgefängnisses hingerichtet. Im "Anhalter Anzeiger" dieses Tages war zu lesen: "Die Hinrichtung erfolgte durch den Scharfrichter Engelhardt aus Schmölln mit dem Handbeil." Den beiden aus Hecklingen stammenden Opfern war während ihres Prozesses vorgeworfen worden, dass sie in ihrer Heimatstadt einen SA-Mann ermordet haben sollen. Ein dritter Angeklagter war seinerzeit begnadigt worden.
Noch heute gedenken Dessauer jährlich der Opfer dieser Hinrichtung.

Zur Verfügung gestellt duch Mario Pinkert

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